Erlebnisraum Höhle

  

Mit dem Erlebnisraum Höhle wird dem Bedürfnis junger Menschen, die sich körperlich und geistig in außergewöhnlichen und riskanten Situationen erleben wollen, in allgemeiner und besonderer Weise entsprochen.

(C) by Manuel KurschusDie gemeinsam geplante und vorbereitete Wanderung ist als befristetes Zurücklassen des Alltags, als ein geplanter, vorübergehender Milieuwechsel zu verstehen. Hierbei sind Selbsterfahrung und Gemeinschaftserfahrung in einer außergewöhnlichen Umgebung besser möglich als im täglichen Leben. Das Spektakuläre, die Extremsituation steht dabei nicht im Vordergrund, vielmehr geht es um "Alltag erleben im Spektakulären"

 

 

Spezifisches an einer Höhlenwanderung

Höhlenerfahrung ist Sinneserfahrung

Aspekt des Natur- und Umweltschutzes

Wirkungen beim Höhlenforschen

Der "Back-to-Life"-Transfer

 


Spezifisches an einer Höhlenwanderung

(C) by Manuel KurschusMit einem Besuch in einer Höhle meine ich nicht den Besuch von Schauhöhlen oder Ausflüge in touristisch erschlossene Höhlen ohne technische Schwierigkeiten, sondern mehrtägige Ausflüge oder Freizeiten mit Expeditionscharakter.
Dabei ist der Weg in die Höhle ein Vordringen in eine neue und unbekannte Welt, die intensive Erfahrungen in unterschiedlichen Bereichen ermöglicht.

Zum einen ermöglicht die Höhle selbst

  • Wahrnehmung von Natur, die unmittelbar sanktioniert und belohnt. 
  • den intensiven Umgamg mit ursprünglichen Elementen wie Feuer, Wasser, Erde...
  • ein Schrumpfen der Erlebniswelt auf das Geschehen in ihr.
  • eine aktive Auseinandersetzung mit den Herausforderungen einer teilweise unerschlossenen Natur.
  • die Erprobung neuer, veränderter Verhaltensansätze in einem im Vergleich zum Alltag sanktions- entlasteteren Bewährungsfeld.
  • Erfahrung mit Umwelt und Naturschutz.

Zum anderen bietet sie Möglichkeiten der psychischen und physischen Selbsterfahrung, wie

  • Erfahrung der eigenen Körperlichkeit, körperlichen Leistungsfähigkeit und körperlichen Grenzen
  • eine psychische wie physische Unmittelbarkeit des Erlebens, die dem Einzelnen wenig Maske ermöglicht.
  • Stärkung des Selbstvertrauens durch neue Körpererfahrungen.
  • die Möglichkeit der ganzheitlichen Sinneserfahrung (nass, kalt, matschig, unangenehm, angenehm...)

Darüber hinaus bietet die Höhle in hervorragender Weise die Möglichkeit, neue Erlebnis- und Verhaltensmöglichkeiten in einer konstanten Bezugsgruppe zu erproben. Dabei

  • schafft die gemeinsame Bewältigung von besonderen Situationen sowie neue Beziehungen zwischen dem Jugendlichen selbst und den Erwachsenen.
  • müssen Konfliktsituationen ausgehalten werden, da kaum Flucht- oder Distanzierungsmöglichkeiten bestehen.
  • lernen die jungen Menschen die Übernahme sozialer Verantwortlichkeiten.
  • vermittelt die Gruppe Sicherheit und Geborgenheit in ungewohnter Umgebung.

 

(C) by Manuel KurschusDas Bedürnis nach Neuem, nach Unbekanntem und evtl. auch einem gewissen Gruselfaktor wird bei einer Höhlenwanderung erfüllt. Der zum Teil enge und geschlossene Raum verunsichert ebenso wie die fehlende Orientierung und die unvorhergesehenen Hindernisse, wie Klüfte und Steilwände oder auch sehr enge Schlufe. In dieser unbekannten, fremden Welt vermittelt die Gruppe ein Gefühl der Sicherheit und Vertrautheit. Der Vordermann gibt z.B. hilfreiche Hinweise zur Bewältigung der schwierigen Passage und der Hintermann sorgt für ausreichend Licht.

Die Übernahme von Verantwortung für sich selbst und für andere ist gefordert. In extremen Situationen wird die Selbsteinschätzung und Leistungsfähigkeit erprobt. Dabei gibt die Einrichtung von Geländerseilen und Halbmastwurfsicherungen an gefährlichen Stellen zusätzlich die notwendige Sicherheit. Das Risiko muss hierbei allerdings immer kalkulierbar sein und die Schwierigkeiten sollten sich am Leistungsniveau der Gruppe orientieren. Dies erfordert vom Leiter der Höhlentour neben pädagogischem Geschick und Grundwissen sowie absoluter fachlicher Kompetenz und Autorität eine genaue Kenntnis der Leistungs- und Verhaltensmöglichkeiten einzelner Gruppenmitglieder.
Mit Hilfe technischer Sicherungsmethoden, wie sie auch beim Klettern oder Bergsteigen üblich sind, werden Gefahrenstellen überwunden. Die Seilsicherung hilft dem Einzelnen dabei, seine Unsicherheit zu meistern. Gleichzeitig erfährt er das Vertrauen zu seinen Begleitern und lernt, sich an die Umwelt, die Materialien, Geräte und Hindernisse anzupassen und die Umwelt handelnd an sich anzupassen. Unsicherheit und Ängste können überwunden und Ich-Kompetenz aufgebaut werden. Alleine bleibe ich stecken - gemeinsam geht es weiter. Das aktive Tun und das Gefühl der Gemeinschaft stärken einerseits die Selbstsicherheit, andererseits wird Selbstüberschätzung relativiert.

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Höhlenerfahrung ist Sinneserfahrung

(C) by Manuel KurschusDer in normalem Alltag dominante Sehsinn wird in der Höhle abhängig von einer künstlichen Lichtquelle, die dorthin mitgenommen werden muss. Eine Lichtquelle gibt die weitaus größte Sicherheit und Orientierunsfähigkeit. Fällt diese Lichtquelle aus, werden andere Sinneswahrnehmungen wie Geräusche, Luftströmungen, Gerüche und Temperatur zur Orientierung herangezogen. Druck-, Berührungs- und Gleichgewichtssinn, die insbesondere bei Kletter- und Kriechpassagen gefordert sind, werden verstärkt zu Hilfsmitteln der Orientierung. Solche Szenarien können in dafür geeigneten Höhlen geschaffen werden, um diese Bereiche zur Geltung zu bringen.

In der Höhle herrscht eine gleichbleibende Temperatur (ca. 5-8°Celsius), die Luft ist kühl und staubfrei (ideal für Asthmatiker !!), ein reizfreies, tiefes Atmen ist möglich. Unterirdische Wasserläufe, kleine, klare Wassergumpen und herabtropfendes Sickerwasser überraschen als schmackhafte Trinkquelle. Vorsicht: In der Nähe von Dörfern oder Gehöften ist Vorsicht geboten - das Wasser kann schmutzig sein !!!!

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Aspekt des Natur- und Umweltschutzes

(C) by Manuel KurschusGrundsätzlich ist jede natürliche Erweiterung ins Erdinnere oder im Erdinneren ein Biotop, welches sich seit Jahrtausenden in nahezu ungestörtem Zustand befindet. Die unverständliche Angewohnheit, Erdöffnungen als Müllgrube zu benutzen, is leider immer noch anzutreffen, obwohl die meisten Höhlen bereits als Naturdenkmal geschützt sind.

Als Höhlenbegeher sollte man wissen und realisieren, dass man nur kurzzeitiger Besucher in einer urzeitlichen Umgebung ist. dieser Umstand verlangt rücksichtsvolles und verantwortungsvolles Verhalten. Abfälle jeglicher Art, insbesondere verbrauchte Batterien und Karbidreste müssen unbedingt aus der Höhle hinausgebracht werden.

Tropfsteine in unterschiedlichen Formen, hängende Sinter und Stalaktiten, emporwachsende Stalagmiten, manchmal als Säulen oder steinerne Vorhänge zusammengewachsen, dürfen auf keinen Fall zerstört oder beschädigt werden. Als Souvenirs sind sie unbrauchbar, da sie nur in der Höhle selbst ihre reizvolle Wirkung haben. Zudem kann deren Entfernung oder Beschädigung als Sachbeschädigung an Landes- oder Staatsbesitz strafrechtlich verfolgt werden.

Erinnerungen werden nur mit dem Fotoapparat festgehalten oder im Gedächtnis mit hinausgenommen. Auch die unschöne Art, Initialen oder Besuchsdatum zu hinterlassen, muss in einer Höhle unterbleiben !
In den meisten Höhlen können wir mit einiger Aufmerksamkeit Tiere beobachten, die sich in das Dunkel zurückgezogen haben oder teilweise im Dunkeln leben. Sogenannte Lehmwürmer hinterlassen Spuren im schlammigen Höhlengrund, einige Insektenarten benutzen die Höhlenwände als ihr Domizil. Insbesondere selten gewordene Fledermäuse, die oft in Höhlen überwintern, stehen unter Naturschutz !!! Damit diese geschützten und seltenen Tiere ihren Winterschlaf ungestört beenden können, sollten Höhlen zwischen Oktober und Mai nicht besucht werden !

Hier kann die Gruppe sensibilisiert werden, wenn sie aufmerksam von einem kundigen Führer durch das unterirdische Labyrint geführt wird. Unberührte Schönheit auch wieder unberührt zu hinterlassen, sollte im Normalfall das höchste Ziel sein.

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Wirkungen beim Höhlenforschen

(C) by Manuel KurschusHöhlenforschen ist ein individuelles Erlebnis. Es ermöglicht dem Einzelnen in abenteuerlicher Umgebung handelnd nicht geahnte Erfahrungen zu machen, sich in einem sanktionsentlasteteren Umfeld auszuprobieren. Dieses "Probieren" stellt für den Teilnehmer jeweils neu ein Wagnis dar, da der Ausgang auf Grund des Neuartigen und Fremden offen ist.
Die Erfahrung, nun nicht vor unbekannten Anforderungen auszuweichen und zu kneifen, sondern an ihrem Ausgang offene Situationen heranzugehen und mutig durchzustehen, dabei eigene Grenzen und Möglichkeiten zu erkennen und zu erfahren, sich im Wagnis zu bewähren, führt bei vielen Jugendlichen über den Stolz auf die eigene Leistung und positive Könnenserfahrung zu größerer Selbstsicherheit und einem umgreifenderen Gefühl des Selbstvertrauens. Plötzliche Veränderung der Witterungsverhältnisse, undurchsteigbare Aufstiege, sich verjüngende Kriechpassagen und Schlufe vermitteln direkt das Gefühl, doch nicht alles machen und erreichen zu können, verlangen Enttäuschungen zu ertragen oder nach einer natürlichen Zielveränderung und helfen so zu einem realistischen Selbstbild.
In der außergewöhnlichen Umgebung einer Höhle erfährt der Jugendliche über seine Unsicherheiten und Ängste eine Korrektur des Selbstbildes. So kann eine vorhandene Selbstüberschätzung, durch körperliche und geistige Grenzerfahrungen korrigiert und reflektiert werden. Umgekehrt stärkt die Überwindung von Unsicherheit und Angst das Selbstwertgefühl und der Jugendliche lernt, bisher unbekannte Möglichkeiten für sich zu erschließen.

Neben dem individuellen Erleben und Handeln ist das Gemeinschaftserlebnis von Bedeutung. die Gruppe hilft dem Einzelnen, der Vordermann dem Hintermann und umgekehrt. Jeder lernt so sich selbst und andere besser kennen, lernt eigene Verhaltensweisen zu reflektieren sowie andere realistischer und toleranter zu sehen. Im Beobachten des anderen relativiert sich die eigene Unsicherheit; z.B. bleibt beim langsamen Vorwärtskommen genügend Zeit, das eigene Erlebnis mit dem Verhalten und der Reaktion der anderen Teilnehmer zu vergleichen. In der unmittelbaren Selbsterfahrung und der Erfahrung mit dem anderen wird solidarisches und kooperatives Verhalten gefordert.

(C) by Manuel KurschusFlucht ist nur schwer möglich. Der Einzelne ist in die Gruppe eingebunden und kann sich diesen Anforderungen nicht entziehen. Die Gruppe gibt dafür Sicherheit und ermöglicht das Weiterkommen. Hier lernt der Jugendliche Verhaltensweisen, die ihm beim Aufbau sozialer Bindungen hilfreich sein können und die auf Grund einer abenteuerlichen Situation leichter vermittelbar sind. Höhlenwandern ist Handeln und Erleben in der direkten Aktion.

Daher ist es besonders wichtig, die Erlebnisse und im Zusammenhang mit der Höhlentour auftauchenden Probleme im Sinne eines Life-in-Space-Interview direkt zur Sprache zu bringen, um die authentischen Erfahrungsmöglichkeiten in der abenteuerlichen Situation unmittelbar ganzheitlich zu nutzen. (Back-to-Life-Transfer) Die Möglichkeit des Rückzugs und des zeitweiligen Alleinseins in Ruhepausen sind darüber hinaus gute Bedingungen, sich allein oder gemeinsam zu erinnern bzw. an Kommendes zu denken sowie eigenen Gefühlen nachzugehen, Erlebnisse, die in unserem hektischen Alltag oft zu kurz kommen.

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Der "Back-to-Life"-Transfer

(C) by Manuel KurschusDas gemeinsame Erlebnis einer Höhlentour hat Auswirkungen auf die strukturellen und pädagogischen Gegebenheiten im Alltag, die aufgegriffen werden müssen. Ohne diese Transfermöglichkeiten wären die erlebnispädagogischen Erfahrungen reiner Selbstzeck. Vielmehr geht um den Transfer neuer Einsichten, Erkenntnisse und Verhaltensansätze vom Erlebnisraum Höhle in den Lebensalltag. Zum Beispiel werden nach Studien demokratische Meinungsbildungsprozesse, das Anerkennen einer fachlichen Autorität, die Übernahme von Verantwortung für sich und andere, das Akzeptieren von Regeln für Jugendliche im Alltag, aber auch die Notwendigkeit, Regeln neu auszuhandeln, leichter nachvollziehbar.

Die anschließende Reflexion der Erlebnisse im Einzelgespräch bzw. in reflexiver Gruppenarbeit ist daher unbedingt erforderlich. Dokumentierte Erlebnisse wie Zeichnungen, Dias, Tagesprotokolle sind hilfreiche methodische Mittel. In Gruppenbesprechungen lassen sich Themen wie - wie liegen die Unterschiede zwischen einem Leben in der Höhle und z.B. in der Wohngruppe; warum bestehen solche Differenzen; Möglichkeiten und Grenzen der Übertragbarkeit der Höhlenwanderung auf den Alltag, usw. besprechen. (siehe auch Tipps und Planung)

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Natürlich kann man auch einfach nur so mit Freunden Höhlen durchkriechen ;-)

Quelle: "Erlebnispädagogik in der sozialen Arbeit" - Hans G. Bauer / Arbeitsmaterialien zur Erlebnispädagogik ev. FA für Sozialpädagogik Augsburg - Rolf Reithmeier