Erlebnisraum Kanu&Floß

 

Mit dem Erlebnisraum Kanu & Floß wird dem Bedürfnis junger Menschen, die sich körperlich und geistig in außergewöhnlichen, spannenden und riskanten Situationen erleben wollen, in allgemeiner und besonderer Weise entsprochen. Auch Teamerfahrung, -fähigkeit, Kooperation und Zusammenhalt werden hier in besonderer Art angesprochen.

(C) by Manuel Kurschus

 

Die gemeinsam geplante und vorbereitete Fluss-Wanderung ist als befristetes Zurücklassen des Alltags, als ein geplanter, vorübergehender Milieuwechsel zu verstehen. Hierbei sind Selbsterfahrung und Gemeinschaftserfahrung in einer außergewöhnlichen Umgebung besser möglich als im täglichen Leben. Das Spektakuläre, die Extremsituation steht dabei nicht im Vordergrund, vielmehr geht es um "Alltag erleben im Spektakulären".



 

Spezifisches an einer Kanu- bzw. Floßtour

„Nasserfahrung" als Sinneserfahrung

Aspekt des Natur- und Umweltschutzes

Wirkungen beim Kanu- bzw. Floßfahren

Der "Back-to-Life"-Transfer


Spezifisches an einer Kanu- bzw. Floßtour


(C) by Manuel KurschusEine Kanu- oder Floßtour kann sowohl ein eintägiges als auch mehrtägiges „Erlebnis" sein. Im Vordergrund steht hier das Leben im, auf und am Wasser. Besonders geeignet sind hierfür natürlich Flüsse mit wenig Verbauungen, natürlichem Flussbett und fernab der Zivilisation. Dass dies in unseren Breiten kaum zu finden ist, muss hier bewusst sein, dennoch gibt es einige schöne Wanderflüsse, auf denen derartige Aktionen gut durchführbar sind.
Dabei ist der Weg auf einem Fluss ein Vordringen in eine meist unbekannte Landschaft aus einem anderen Blickwinkel, der intensive Erfahrungen in unterschiedlichen Bereichen ermöglicht.

Zum einen ermöglicht hier die Natur selbst

 

  • Wahrnehmung von Natur, die unmittelbar sanktioniert und belohnt. 
  • den intensiven Umgang mit ursprünglichen Elementen wie Feuer, Wasser Erde...
  • ein Schrumpfen der Erlebniswelt die Sichtweite bis zur nächsten Biegung.
  • eine aktive Auseinandersetzung mit den Herausforderungen einer teilweise unerschlossenen Natur.
  • die Erprobung neuer, veränderter Verhaltensansätze in einem im Vergleich zum Alltag sanktionsentlasteteren  Bewährungsfeld.
  • Erfahrung mit Umwelt und Naturschutz.

 

Zum anderen bietet das Element Wasser Möglichkeiten der psychischen und physischen Selbsterfahrung, wie

 

  • Erfahrung der eigenen Körperlichkeit, körperlichen Leistungsfähigkeit und körperlichen Grenzen
  • eine psychische wie physische Unmittelbarkeit des Erlebens, die dem Einzelnen wenig Maske ermöglicht.
  • Stärkung des Selbstvertrauens durch neue Körpererfahrungen.
  • die Möglichkeit der ganzheitlichen Sinneserfahrung

 

 

Darüber hinaus bietet der Bereich Kanu & Floß in hervorragender Weise die Möglichkeit, neue Erlebnis- und Verhaltensmöglichkeiten in einer konstanten Bezugsgruppe zu erproben.

Dabei

 

  • schafft die gemeinsame Bewältigung von besonderen Situationen neue Beziehungen zwischen dem Jugendlichen selbst und den Erwachsenen.
  • müssen Konfliktsituationen ausgehalten werden, da kaum Flucht- oder Distanzierungsmöglichkeiten bestehen.
  • lernen die jungen Menschen die Übernahme sozialer Verantwortlichkeiten.
  • vermittelt die Gruppe Sicherheit und Geborgenheit in ungewohnter Umgebung.


Die Übernahme von Verantwortung für sich selbst und für andere ist gefordert. In extremen Situationen wird die Selbsteinschätzung und Leistungsfähigkeit erprobt. Das Risiko muss hierbei allerdings immer kalkulierbar sein und die Schwierigkeiten sollten sich am Leistungsniveau der Gruppe orientieren. Dies erfordert vom Leiter einer Kanu- oder Floßtour neben pädagogischem Geschick und Grundwissen sowie absoluter fachlicher Kompetenz und Autorität eine genaue Kenntnis der Leistungs- und Verhaltensmöglichkeiten einzelner Gruppenmitglieder.

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"Nasserfahrung" ist Sinneserfahrung

(C) by Manuel Kurschus

 

Das Element Wasser stellt im Allgemeinen für teilnehmende Jugendliche nichts Neues dar. Nur die Art der Fortbewegung auf und nicht im Wasser (wobei natürlich die Bewegung im Wasser nicht zu kurz kommen darf) ist für viele ein Novum und Reiz genug, um sich selbst auszuprobieren. So wird z.B. die „Folgewahrnehmung" bzw. das Abstrakte Denken in besonderer Weise angesprochen. Wie verhält sich ein Kanu oder Floß wenn welche Aktionen ausgeführt werden? Wie kann ich auf schwierige Stellen reagieren, bei denen durch Unachtsamkeit das Material und evtl. auch Teilnehmer „verloren" gehen können? Wasser bekommt als „Freund" (es trägt uns und unsere Ausrüstung) als auch als „Feind" (es zerstört Ausrüstung, ist unangenehm je nach Außentemperatur etc...) eine neue Bedeutung.

 

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Aspekt des Natur- und Umweltschutzes

 

(C) by Manuel KurschusFlüsse und Seen sind schon lang keine unberührten Biotope mehr - und sollten sie dies noch sein, sollte man sein Boot hier nicht einsetzen! Dennoch gibt es sowohl im Wasser, als auch auf dem Wasser und an den Ufern genug schützenswertes zu entdecken. Biber, Bisamratten, Welse... Tiere, die für den normalen Stadtmenschen eher unbekannt sind, können in ihrer Heimat beobachtet und ggf. auch dokumentiert werden.

Zu beachten ist, dass Biberdämme großräumig zu umfahren sind, und schon gar nicht betreten werden dürfen. Auch Pflanzen, die unter Naturschutz stehen und eher seltener zu finden sind, bedürfen unserer Achtsamkeit.

Hier kann die Gruppe sensibilisiert werden, wenn sie aufmerksam von einem kundigen geführt wird. Unberührte Schönheit auch wieder unberührt zu hinterlassen, sollte im Normalfall das höchste Ziel sein.

 

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Wirkungen beim Kanu- & Floßfahren

 

(C) by Manuel KurschusKanu- oder Floßfahren ist ein individuelles Erlebnis. Es ermöglicht dem Einzelnen in abenteuerlicher Umgebung handelnd nicht geahnte Erfahrungen zu machen, sich in einem sanktionsentlasteteren Umfeld auszuprobieren. Dieses "Probieren" stellt für den Teilnehmer jeweils neu ein Wagnis dar, da der Ausgang auf Grund des Neuartigen und Fremden offen ist.


Die Erfahrung, nun nicht vor unbekannten Anforderungen auszuweichen und zu kneifen, sondern an ihrem Ausgang offene Situationen heranzugehen und mutig durchzustehen, dabei eigene Grenzen und Möglichkeiten zu erkennen und zu erfahren, sich im Wagnis zu bewähren, führt bei vielen Jugendlichen über den Stolz auf die eigene Leistung und positive Könnenserfahrung zu größerer Selbstsicherheit und einem umgreifenderen Gefühl des Selbstvertrauens. Plötzliche Veränderung der Witterungsverhältnisse, unüberwindbare Hindernisse, sich verjüngende Passagen und verwachsene Flussabschnitte vermitteln direkt das Gefühl, doch nicht alles machen und erreichen zu können, verlangen Enttäuschungen zu ertragen oder nach einer natürlichen Zielveränderung und helfen so zu einem realistischen Selbstbild.


In der außergewöhnlichen Umgebung erfährt der Jugendliche über seine Unsicherheiten und Ängste eine Korrektur des Selbstbildes. So kann eine vorhandene Selbstüberschätzung, durch körperliche und geistige Grenzerfahrungen korrigiert und reflektiert werden. Umgekehrt stärkt die Überwindung von Unsicherheit und Angst das Selbstwertgefühl und der Jugendliche lernt, bisher unbekannte Möglichkeiten für sich zu erschließen.

Neben dem individuellen Erleben und Handeln ist das Gemeinschaftserlebnis von Bedeutung. die Gruppe hilft dem Einzelnen. Jeder lernt so sich selbst und andere besser kennen, lernt eigene Verhaltensweisen zu reflektieren sowie andere realistischer und toleranter zu sehen. Im Beobachten des anderen relativiert sich die eigene Unsicherheit; z.B. bleibt beim langsamen Vorwärtskommen genügend Zeit, das eigene Erlebnis mit dem Verhalten und der Reaktion der anderen Teilnehmer zu vergleichen. In der unmittelbaren Selbsterfahrung und der Erfahrung mit dem anderen wird solidarisches und kooperatives Verhalten gefordert.

 

Flucht ist nur schwer möglich. Der Einzelne ist in die Gruppe eingebunden bzw. „sitzt mit den anderen in einem Boot" und kann sich diesen Anforderungen nicht entziehen. Die Gruppe gibt dafür Sicherheit und ermöglicht das Weiterkommen. Hier lernt der Jugendliche Verhaltensweisen, die ihm beim Aufbau sozialer Bindungen hilfreich sein können und die auf Grund einer abenteuerlichen Situation leichter vermittelbar sind. Flusswandern ist Handeln und Erleben in der direkten Aktion.

Daher ist es besonders wichtig, die Erlebnisse und im Zusammenhang mit einer Flusswanderung auftauchenden Probleme im Sinne eines Life-in-Space-Interview direkt zur Sprache zu bringen, um die authentischen Erfahrungsmöglichkeiten in der abenteuerlichen Situation unmittelbar ganzheitlich zu nutzen. (Back-to-Life-Transfer) Die Möglichkeit des Rückzugs und des zeitweiligen Alleinseins in Ruhepausen sind darüber hinaus gute Bedingungen, sich allein oder gemeinsam zu erinnern bzw. an Kommendes zu denken sowie eigenen Gefühlen nachzugehen, Erlebnisse, die in unserem hektischen Alltag oft zu kurz kommen.

 

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Der "Back-to-Life"-Transfer

 

(C) by Manuel KurschusDas gemeinsame Erlebnis einer Kanu- oder Floßtour hat Auswirkungen auf die strukturellen und pädagogischen Gegebenheiten im Alltag, die aufgegriffen werden müssen. Ohne diese Transfermöglichkeiten wären die erlebnispädagogischen Erfahrungen reiner Selbstzeck. Vielmehr geht um den Transfer neuer Einsichten, Erkenntnisse und Verhaltensansätze vom Erlebnisraum Kanu & Floß in den Lebensalltag. Zum Beispiel werden nach Studien demokratische Meinungsbildungsprozesse, das Anerkennen einer fachlichen Autorität, die Übernahme von Verantwortung für sich und andere, das Akzeptieren von Regeln für Jugendliche im Alltag, aber auch die Notwendigkeit, Regeln neu auszuhandeln, leichter nachvollziehbar.

Die anschließende Reflexion der Erlebnisse im Einzelgespräch bzw. in reflexiver Gruppenarbeit ist daher unbedingt erforderlich. Dokumentierte Erlebnisse wie Zeichnungen, Dias, Tagesprotokolle sind hilfreiche methodische Mittel. In Gruppenbesprechungen lassen sich Themen wie - wie liegen die Unterschiede zwischen einem Leben auf dem Wasser  und z.B. in der Wohngruppe; warum bestehen solche Differenzen; Möglichkeiten und Grenzen der Übertragbarkeit der Flusswanderung auf den Alltag, usw. besprechen. (siehe auch Tipps und Planung)

 

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Quelle: "Erlebnispädagogik in der sozialen Arbeit" - Hans G. Bauer / Arbeitsmaterialien zur Erlebnispädagogik ev. FA für Sozialpädagogik Augsburg - Rolf Reithmeier